Der Fachkräftemangel im IT-Mittelstand scheint zu verschwinden. Zumindest in den Umfragen. Laut der aktuellen BITMi-Jahresprognose sehen nur noch 25 Prozent der IT-Mittelständler den Fachkräftemangel als zentrale Hürde. Ein Minus von 20 Prozentpunkten gegenüber dem Vorjahr. Stattdessen dominiert die Wirtschaftslage: 77 Prozent nennen sie als größtes Problem.
Gleichzeitig meldet der Bitkom weiterhin 109.000 unbesetzte IT-Stellen, und 79 Prozent der Unternehmen erwarten, dass sich die Lage weiter verschärft.
Wie passt das zusammen? Die Antwort: Der Fachkräftemangel hat sich nicht gelöst. Er wurde von der Konjunkturschwäche überlagert. Wer keine neuen Projekte startet, sucht auch keine neuen Leute. Aber das Grundproblem ist strukturell: zu wenig qualifizierte IT-Kräfte für zu viele offene Stellen. Es wird sich verschärfen, sobald die Nachfrage wieder anzieht.
Laut Bitkom rechnen 52 Prozent der Unternehmen damit, künftig leichter IT-Fachkräfte zu finden, weil andere Firmen konjunkturbedingt Stellen streichen. Ein Nullsummenspiel. Es kommt keine einzige neue Fachkraft auf den Markt. Der Talentpool wird nur umverteilt.
Das Institut der deutschen Wirtschaft prognostiziert bis 2028 eine Fachkräftelücke von über 133.000 allein in Digitalisierungsberufen. Den größten Mangel erwartet das IW bei Informatik-Experten, also genau den Profilen, die der Mittelstand für Digitalisierung, KI-Projekte und Produktentwicklung braucht.
Auch auf politische Lösungen sollte sich der Mittelstand nicht verlassen. Ja, der Koalitionsvertrag enthält sinnvolle Vorhaben: flexiblere Arbeitszeiten, erleichterte Fachkräfteeinwanderung, die Aktiv-Rente. Aber politische Reformen wirken in Legislaturperioden. Projektpläne laufen in Quartalen. Wer heute Kapazität braucht, kann nicht auf 2028 warten.
Was Unternehmen tun, und wo es hakt
IT-Mittelständler reagieren auf die Lage mit unterschiedlichen Ansätzen. Keiner reicht allein.
Weiterbildung und Quereinstieg sind der nachhaltigste Weg. 31 Prozent der Unternehmen qualifizieren Mitarbeitende intern für neue IT-Aufgaben, 27 Prozent der Neueinstellungen kommen aus fachfremden Bereichen. Es dauert allerdings 12 bis 18 Monate, bis ein Quereinsteiger produktiv arbeitet. Und 34 Prozent der Unternehmen berichten, dass Beschäftigte schlicht keine Lust auf IT-Weiterbildung haben.
KI steigert die Produktivität bestehender Teams, ersetzt aber kein Personal. Acht Prozent der Unternehmen setzen KI ein, um Personalengpässe zu kompensieren. Gleichzeitig erwarten 42 Prozent, dass KI-Projekte zusätzlichen IT-Bedarf erzeugen. KI automatisiert Routineaufgaben. Die erfahrenen Fachkräfte, die der Mittelstand am dringendsten sucht, liefert sie nicht.
Freelancer und Bodyleasing bringen schnelle Verfügbarkeit, aber keinen Wissensaufbau. Wer dauerhaft auf Externe setzt, erzeugt Abhängigkeiten und treibt Kosten, für den Mittelstand mit seinen langen Produktzyklen selten nachhaltig.
Klassisches Outsourcing, also die Verlagerung ganzer Arbeitspakete an Dienstleister in Indien oder Osteuropa, funktioniert bei klar abgrenzbaren Aufgaben. Für die enge, iterative Zusammenarbeit, die Produktentwicklung im Mittelstand erfordert, stößt das Modell an Grenzen. Die Reibung entsteht nicht nur durch Zeitzonen, sondern durch ein grundsätzliches Strukturproblem: Outsourcing-Dienstleister optimieren auf Auslastung, nicht auf Integration. Das Team arbeitet für einen Kunden, nicht mit ihm.
Nearshoring mit dedizierten Teams folgt einer anderen Logik. Unternehmen bauen eigene Teams in europanahen Regionen auf (Tunesien, Portugal, der Balkan), in der gleichen oder einer benachbarten Zeitzone. Die Ingenieure arbeiten nicht als externe Dienstleister, sondern als fester Teil der eigenen Organisation, eingebunden in dieselben Abläufe und Tools. Ein Employer of Record übernimmt dabei die rechtssichere Anstellung, Payroll und Compliance vor Ort. Eine eigene Niederlassung ist nicht erforderlich. Das Modell steht und fällt mit zwei Voraussetzungen: Das Unternehmen muss Remote-Arbeit bereits operativ beherrschen. Und es muss bereit sein, das neue Team genauso einzubinden und zu führen wie das Team vor Ort.
Ein Beispiel: Ein Tochterunternehmen eines deutschen Prüfkonzerns konnte innerhalb von 25 Tagen ein Dreierteam in Tunesien aufbauen. Innerhalb von anderthalb Jahren ist das Team auf sechs Ingenieure gewachsen. Das Unternehmen nimmt heute Projekte an, die vorher aus Kapazitäts- und Kostengründen nicht möglich waren. Entscheidend war nicht die Geschwindigkeit des Recruitings, sondern dass das Unternehmen bereits eine funktionierende Remote-Arbeitskultur hatte und das neue Team als Teil der eigenen Organisation behandelte. Integration ist Führungsarbeit. Wer das unterschätzt, wird mit jedem Modell scheitern, egal ob das Team in Tunis sitzt oder in Dresden.
Eine ausführliche Analyse mit Kostendaten, Standortvergleich und einem Fallbeispiel aus dem Anlagenbau finden Sie unter scope-merge.com/bericht
Wer jetzt nicht handelt, zahlt später
Die Unternehmen, die ihre Kapazität trotz Fachkräftemangel sichern, setzen nicht auf einen einzigen Ansatz. Sie kombinieren gezielt: Weiterbildung, KI und externe Teams. Der Unterschied liegt in der Fähigkeit, hybride Teams über Standorte hinweg operativ zu führen.
Gerade in wirtschaftlich angespannten Zeiten lohnt sich der Blick über den deutschen Arbeitsmarkt hinaus. Wer Engineering-Kapazität aufbauen kann, ohne ausschließlich auf den deutschen Arbeitsmarkt angewiesen zu sein, verschafft sich Spielraum für Projekte, die sonst nicht stattfinden würden, und für weiteres Wachstum.
Wenn die Konjunktur dreht, konkurriert der gesamte Mittelstand wieder um denselben schrumpfenden Talentpool, mit weniger Zeit und höheren Kosten.
Der Fachkräftemangel ist kein HR-Problem. Er ist eine strategische Kapazitätsentscheidung auf Geschäftsführungsebene.
Unternehmensprofil
Ihre Ingenieure in Tunesien, Ihre Führung aus Deutschland. Scope Merge übernimmt Recruiting, Anstellung, Payroll und Compliance als Employer of Record. Kunden im Anlagenbau, Fintech, Healthtech und Proptech in Deutschland, Frankreich und Großbritannien.
Kontakt

Youssef Hedhili
Founder & CEO
Berlin & Tunis
youssef.hedhili@scope-merge.com
