Lydia Schauß

Skill-based Staffing: Warum starke Teams mehr sind als die Summe ihrer Teile

Die Softwareentwicklerin ist brillant. Der Tech Lead bringt zwanzig Jahre Erfahrung mit. Die Projektleiterin gilt als eine der Besten im Unternehmen. Und trotzdem läuft das Projekt einfach nicht. Deadlines werden verfehlt, Entscheidungen ziehen sich, dem Team fehlt die Energie. Solche Situationen kennen viele Führungskräfte in IT-Unternehmen. Und sie führen unweigerlich zu einer unbequemen Frage: Wenn nicht die reine Qualität der Einzelpersonen über den Projekterfolg entscheidet, was dann? Schon Aristoteles wusste: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. Erfolgreiche Teams entstehen nicht allein durch starke Einzelpersonen, sondern durch ihr Zusammenspiel. Diese Erkenntnis, so alt wie die Philosophie selbst, gewinnt im Zuge der KI-Transformation und dem Wandel der Arbeitswelt an strategischer Relevanz.

Laut einer Studie von McKinsey haben generative KI und verwandte Technologien das Potenzial, bis zu 70 Prozent der Arbeitszeit von Mitarbeitenden zu automatisieren. Programmierung, Recherche, Analyse – vieles wird schneller und günstiger. Was zunächst nach einem klaren Wettbewerbsvorteil klingt, greift langfristig zu kurz. Denn je breiter leistungsfähige KI verfügbar wird, desto weniger eignet sie sich insbesondere im Projektdienstleistungsgeschäft als echter Differenzierungsfaktor. Was heute noch Vorsprung schafft, wird morgen zur Basisanforderung. Entscheidend ist dann nicht mehr die Technologie selbst, sondern wie wirksam Unternehmen sie mit qualifizierten Menschen und individuellen Kompetenzen zusammenführen. Gleichzeitig gewinnt etwas an Bedeutung, das keine KI replizieren kann: menschliche Zusammenarbeit. Vertrauen, gemeinsames Problemlösen, geteilte Verantwortung, all das wird nicht ersetzt, sondern wichtiger denn je. In einer zunehmend technologisch geprägten Arbeitswelt wird gute Zusammenarbeit zum entscheidenden Treiber für leistungsstarke Teams. Für IT-Dienstleister und Beratungsunternehmen bedeutet das vor allem eines: Sie müssen Menschen, Kompetenzen und Zusammenarbeit gezielter denn je zusammenführen.

Doch herausragende Teams zusammenzustellen ist komplexer als gedacht. Eine zentrale Voraussetzung dafür ist Transparenz über vorhandene Kompetenzen und genau hier hapert es in der Praxis. Eine qualitative Befragung führender deutscher IT-Dienstleister und Beratungsunternehmen, die Heimat Software im Jahr 2025 durchgeführt hat, zeigt: 59 Prozent der befragten Führungskräfte bemängeln die Aktualität und Verlässlichkeit ihrer Kompetenzdaten. Infolgedessen werden Entscheidungen auf Basis von Bauchgefühl und nicht auf Basis objektiver, belastbarer Daten getroffen.

Was zeichnet erfolgreiche Teams aus?

In der Teamforschung wurde diese Fragestellung in einer Vielzahl von Studien untersucht. Das bekannteste Forschungsprojekt dazu trägt seinen Namen nicht zufällig: Project Aristotle. Google untersuchte im Rahmen des Programms re:Work über zwei Jahre hinweg mehr als 180 Teams und führte über 200 qualitative Interviews, mit dem Ziel herauszufinden, was leistungsstarke Teams wirklich auszeichnet. Der Befund bestätigte, was Aristoteles einst formulierte: Nicht Qualifikation oder Erfahrung der Einzelnen sind die entscheidenden Faktoren. Es sind vor allem soziale und psychologische Dynamiken.

 

An erster Stelle steht die psychologische Sicherheit, also das gemeinsame Vertrauen im Team, Fragen stellen, Fehler eingestehen und neue Ideen einbringen zu können, ohne negative Konsequenzen befürchten zu müssen. In Teams mit hoher psychologischer Sicherheit sprechen Menschen offener über Unsicherheiten, widersprechen konstruktiv und lernen schneller aus Misserfolgen. Wo sie fehlt, werden Probleme ausgesessen statt gelöst.

Neben der psychologischen Sicherheit identifizierte Project Aristotle weitere zentrale Erfolgsfaktoren für Teamleistung. Dazu gehören Zuverlässigkeit, also dass Aufgaben termingerecht und in hoher Qualität erledigt werden, ebenso wie klar definierte Rollen, Prozesse und Ziele. Fehlen diese Grundlagen, entstehen Reibung, Doppelarbeit und Unsicherheit, selbst in fachlich starken Teams.

Ebenso relevant sind Sinnstiftung und wahrgenommener Impact. Entscheidend ist, dass Menschen ihre Arbeit als bedeutsam erleben und ihren Beitrag zum gemeinsamen Ziel erkennen.

Hinzu kommt ein weiterer entscheidender Faktor: Teamkonstellation und Komplementarität, die bewusste Zusammensetzung von Menschen mit unterschiedlichen Stärken, Perspektiven und Erfahrungsniveaus. Untersuchungen von McKinsey und der Academy of Management Discoveries belegen, dass strategisch zusammengesetzte Teams überproportional zur Wertschöpfung ihrer Unternehmen beitragen. Solche Teams sind funktionsübergreifend aufgestellt und leben von der gezielten Kombination komplementärer Stärken. So entsteht Leistung etwa dann, wenn proaktive Persönlichkeiten Innovationen vorantreiben und gewissenhafte Teammitglieder gleichzeitig Planung, Struktur und Verlässlichkeit sicherstellen.

Dass diese Erkenntnisse nicht nur im akademischen Raum Bestand haben, zeigt auch die Befragung deutscher IT-Dienstleister und Beratungen, die Heimat im Jahr 2025 durchgeführt hat. Auf die Frage, was ein herausragendes Team auszeichnet, nannten 89 Prozent einen ausgewogenen Kompetenzmix, 76 Prozent ein starkes zwischenmenschliches Klima und 68 Prozent Autonomie und Eigenverantwortung als zentrale Merkmale.

 

Über Studien und Praxiserfahrungen hinweg ergibt sich damit ein konsistentes Bild: Nicht individuelle Exzellenz allein, sondern die Qualität der sozialen Dynamiken und die komplementäre Zusammensetzung unterscheiden leistungsstarke Teams von weniger erfolgreichen. Matthias Albert, COO bei inovex, bringt das auf den Punkt: „Ein gutes Projekt steht und fällt mit den Menschen. Besonders wichtig ist ein ausgewogener Mix – erfahrene und jüngere Teammitglieder, die sich gegenseitig motivieren und voneinander lernen.” Wer Teams allein nach Qualifikationsprofilen zusammenstellt, greift zu kurz.

Projekte als Lernräume verstehen

Skill-based Staffing endet aber nicht bei der Frage, wen man heute ins Team holt. Es stellt auch die Frage, wer morgen gebraucht wird und wer das Potenzial hat, dorthin zu wachsen. Gerade in einer Zeit, in der KI die Anforderungsprofile in IT und Beratung in hohem Tempo verändert, wird diese Perspektive zum strategischen Erfolgsfaktor. Jede Projektbesetzung ist deshalb immer auch eine Entscheidung darüber, welche Fähigkeiten ein Unternehmen morgen haben wird.

McKinsey bezeichnet gezieltes Upskilling als den effektivsten Weg, Talentlücken in der aktuellen Lage der Arbeitsmärkte zu schließen. Entscheidend ist jedoch, wie Upskilling verstanden wird. Klassische Weiterbildungsprogramme entfalten oft nur begrenzte Wirkung, weil sie vom eigentlichen Arbeitskontext entkoppelt sind. Besonders wirksam ist Lernen dort, wo es unmittelbar im Projekt stattfindet: Mitarbeitende entwickeln sich besonders dann weiter, wenn sie an vorhandene Grundkenntnisse angrenzende Kompetenzen in laufenden Projekten anwenden und dadurch ihr Skill-Repertoire schrittweise erweitern können. Neues Wissen wird so direkt in der Praxis verankert, meist nachhaltiger als in klassischen Seminarformaten. Wer Menschen in Rollen bringt, in denen sie Autonomie erleben, Kompetenz entwickeln und soziale Eingebundenheit spüren, schafft die Voraussetzungen für mehr Engagement, mehr Bindung und mehr Leistung. Was die Motivationsforschung seit Jahrzehnten zeigt, bestätigt sich in gut besetzten Projektteams täglich aufs Neue: Menschen arbeiten engagierter, wenn sie das Gefühl haben, dass ihre Entwicklung mitgedacht wird und ein Projekt nicht nur eine Aufgabe ist, sondern ein Raum, in dem sie wachsen können.

Potenzialentfaltung wird damit nicht nur zum individuellen Erfolgsfaktor, sondern zum strategischen Hebel für Unternehmen. Organisationen, die individuelle Entwicklungsräume schaffen, profitieren nachweislich von höherer Mitarbeiterbindung, gesteigerter Veränderungsbereitschaft und einer resilienteren, lernfähigen Unternehmenskultur.

Wie smartes Staffing in der Praxis gelingt

Gerade weil Projektgeschäft unter hohem Zeitdruck stattfindet, wird Staffing in vielen Unternehmen noch als operative Zuordnungsaufgabe behandelt: Wer ist verfügbar? Wer passt fachlich halbwegs? Wer kann kurzfristig starten? Genau darin liegt jedoch die strategische Schwäche. Denn wenn Besetzungsentscheidungen nur auf Verfügbarkeit und Profilabgleich reduziert werden, bleiben Leistungspotenziale, Entwicklungschancen und Teamdynamiken ungenutzt. Aus Forschung und Praxis lassen sich deshalb vier Prinzipien ableiten, die Staffing von einer operativen Aufgabe zu einem strategischen Hebel machen.

 

Am Anfang steht Transparenz. Verlässliche, aktuelle Kompetenzdaten sind die Grundlage jeder smarten Besetzungsentscheidung. Skills, Erfahrungen, Interessen und Verfügbarkeiten müssen systematisch erfasst, gepflegt und zentral zugänglich sein. Doch eine stupide Skill-Erfassung reicht nicht aus und wird in Zukunft keine aufschlussreichen Erkenntnisse liefern. Skills veralten heute schneller denn je. Die Halbwertszeit von Fachwissen sinkt durch KI deutlich, wodurch Anpassungsfähigkeit zur zentralen Kompetenz wird. Es geht daher weniger darum, Skills im allerletzten Detail zu erfassen, sondern vielmehr darum, den tatsächlichen Wertbeitrag und die konkrete Tätigkeit eines Projektmitglieds zu verstehen. So lassen sich trotz des dynamischen Umfelds fachliche Domänen und mögliche Skill Gaps im Kontext technologischer Entwicklungen identifizieren und Besetzungsentscheidungen treffen, die über das nächstbeste verfügbare Profil hinausgehen.

Eng damit verbunden ist die bewusste Gestaltung von Teamdynamik. Zwischenmenschlicher Fit, Erfahrungsmix und eine klare Lead-Rolle im Team sind keine weichen Faktoren, sondern zentrale Erfolgsbedingungen. In agilen Teams übernimmt diese Rolle häufig ein Scrum Master – nicht als Vorgesetzter, sondern als jemand, der Hindernisse aus dem Weg räumt, das Team vor äußerem Druck schützt und dafür sorgt, dass Zusammenarbeit wirklich funktioniert.

Darüber hinaus sollte jede Projektbesetzung Entwicklung aktiv mitdenken. Projekte sind Lernräume. Wer Staffing-Entscheidungen trifft, ohne individuelle Lernpfade zu berücksichtigen, lässt Potenzial ungenutzt. Welche angrenzenden Fähigkeiten bringt jemand bereits mit? Wo ist ein nächster sinnvoller Entwicklungsschritt möglich? Und welche Besetzung stärkt nicht nur das aktuelle Projekt, sondern auch die zukünftige Kompetenzbasis des Unternehmens?

Damit verbunden ist ein vierter Grundsatz: Potenziale mitdenken statt nur Profile abgleichen. Lernbereitschaft, Entwicklungsgeschwindigkeit und anschlussfähige Kompetenzen gehören genauso in die Besetzungsentscheidung wie bestehende Qualifikationen. Wer nur auf das Skill-Profil schaut, vergibt Chancen auf Wachstum und nachhaltige Bindung.

Der eigentliche Wettbewerbsvorteil liegt im Zusammenspiel

Künstliche Intelligenz ist heute bereits in vielen Bereichen unverzichtbar und ihre Bedeutung wird in den kommenden Jahren weiter zunehmen. Doch allein der Einsatz von KI wird vor allem im Bereich der wissensbasierten Dienstleistung keine Wettbewerbsvorteile bringen. Fachliche Exzellenz bleibt wichtig, reicht aber nicht mehr aus. Was den Unterschied macht, ist die Fähigkeit, Menschen so zusammenzubringen und weiterzuentwickeln, dass sie gemeinsam mehr leisten als jeder für sich.

Unternehmen, die das heute ernst nehmen, die Teamdynamik bewusst gestalten, Entwicklung in die Projektbesetzung integrieren und Kompetenzdaten systematisch nutzen, schaffen die Grundlage für nachhaltige Resilienz und Zukunftsfähigkeit. Das ist keine HR-Frage. Das ist eine strategische Führungsaufgabe. Und sie beginnt mit einer simplen Erkenntnis: Der entscheidende Wettbewerbsvorteil entsteht nicht dort, wo die besten Einzelnen arbeiten, sondern dort, wo Menschen ihre Stärken im richtigen Zusammenspiel entfalten können.

Unternehmensprofil

Heimat Software GmbH mit Sitz in Stuttgart entwickelt eine KI-gestützte SaaS-Plattform für Skill- und Ressourcenmanagement. Die Plattform hilft IT-Dienstleistern und Beratungsunternehmen dabei, Mitarbeitende entsprechend ihrer Potenziale einzusetzen und leistungsstarke Teams zu formen.

www.heimat-software.com

Kontakt

Luisa Schaugg

Heimat Software GmbH

Geschäftsführerin

l.schaugg@heimat-software.com

 

Quellen:

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Emich, K. J., Lu, L., Ferguson, A., Peterson, R., McCourt, M., Martin, S., McClean, E. & Woodruff, C. T. (2023). Better Together: Member Proactivity Is Better for Team Performance When Aligned with Conscientiousness. Academy Of Management Discoveries, 10(2), 250–272. https://doi.org/10.5465/amd.2021.0208

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Heimat Software (2025): Smartes Staffing – komplexe Herausforderungen erfordern neue Herangehensweisen. Whitepaper. www.heimat-software.com

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Bildquellen:

Titelbild: https://www.pexels.com/de-de/foto/marketing-hande-menschen-buro-7710182/

Bild 1, Project Aristotle: Eigene Darstellung

Bild 2, Erfolgreiche Teams: Eigene Darstellung

Bild 3, Zitat: Eigene Darstellung

Bild 4, 4 Prinzipien: Eigene Darstellung