2023 haben wir bei VITAS eine weitreichende Entscheidung getroffen: Wir verabschieden uns bei der Verarbeitung von Patientendaten konsequent von US-Anbietern und stellen unsere technologische Strategie auf Datensouveränität um.
Das war keine einfache Entscheidung. Sie war teuer, aufwendig und betrifft bis heute nahezu unsere gesamte Plattform. Trotzdem haben wir uns bewusst dafür entschieden – auch wenn diese Strategie nur für einen Teil des Marktes wirklich relevant ist. Warum? Weil wir davon überzeugt sind, dass Datensouveränität im Gesundheitswesen in den kommenden Jahren von einer Zusatzanforderung zu einer Grundvoraussetzung wird.
Warum der Serverstandort allein nicht ausreicht
Viele KI-Anbieter werben mit Aussagen wie „Serverstandort in Deutschland“ oder „Hosting in Europa“. Aus unserer Sicht greift das zu kurz.
Der physische Standort eines Servers sagt wenig darüber aus, welchem Rechtsraum Daten tatsächlich unterliegen.
Ein Beispiel machte das 2025 besonders deutlich: Ein Microsoft-Manager musste in Frankreich öffentlich einräumen, dass Microsoft nicht garantieren kann, europäische Daten vollständig vor rechtmäßigem Zugriff durch US-Behörden zu schützen. Hintergrund ist der CLOUD Act, der US-Unternehmen unter bestimmten Voraussetzungen verpflichtet, Daten bereitzustellen – unabhängig davon, wo sie gespeichert sind.
Selbst Daten auf deutschen Servern können also von außereuropäischen Rechtsräumen betroffen sein. Gerade im Gesundheitswesen reicht ein deutscher Serverstandort deshalb aus unserer Sicht nicht aus.
Datensouveränität bedeutet mehr als Datenschutz
Für uns geht es aber nicht nur um Datenschutz. Es geht ebenso um Eigenständigkeit und Unabhängigkeit.
Ein Beispiel, das europaweit diskutiert wurde: Nachdem die US-Regierung Sanktionen gegen den Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs verhängt hatte, wurde dessen Microsoft-E-Mail-Konto laut Medienberichten zeitweise eingeschränkt beziehungsweise deaktiviert.
Für viele europäische Organisationen war das ein Weckruf. Selbst internationale Institutionen können potenziell von Entscheidungen externer Anbieter betroffen sein. Genau diese Abhängigkeiten wollten wir reduzieren.
Denn wenn wir kritische Infrastruktur für das Gesundheitswesen bereitstellen, möchten wir möglichst viele Entscheidungen selbst treffen können.
Warum wir uns bewusst für diesen Weg entschieden haben
In Gesprächen mit Kunden aus dem Gesundheitswesen und dem Public Sector haben wir immer häufiger dieselbe Rückmeldung erhalten: „Der Serverstandort ist uns gar nicht so wichtig. Entscheidend ist, dass die Datenverarbeitung ohne US-Anbieter erfolgt.“
Wir haben darin eine bislang kaum besetzte Nische erkannt. Der Aufwand ist erheblich, aber genau darin liegt heute ein wichtiger Wettbewerbsvorteil von VITAS. Unsere Plattform kann genutzt werden, ohne dass sensible Patientendaten an US-Anbieter übertragen werden. In Kombination mit unseren Zertifizierungen nach ISO 27001 und C5 konnten wir insbesondere bei großen Healthcare- und Public-Sector-Kunden überzeugen – darunter beispielsweise Asklepios oder das Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH).
Eine Plattform neu denken
Diese Entscheidung bedeutete deutlich mehr, als nur einzelne Anbieter auszutauschen. Wir haben große Teile unserer Plattform neu aufgebaut und auf die Open Telekom Cloud (OTC) verlagert, wo wir zentrale Komponenten selbst betreiben. Dazu gehören unter anderem Systeme für automatische Spracherkennung (ASR), Sprachsynthese (TTS), große Sprachmodelle (LLMs) sowie unsere Kommunikationsinfrastruktur.
Auch unsere Telefonie haben wir neu gedacht. Dafür mussten wir uns sogar als Telekommunikationsanbieter bei der Bundesnetzagentur registrieren – ein Schritt, den man bei einem HealthTech-Unternehmen vermutlich nicht als Erstes erwarten würde. Genau das macht diesen Weg aber besonders. Wir haben nicht einfach Anbieter ersetzt, sondern bewusst Kompetenzen aufgebaut, die weit über das klassische Aufgabenfeld eines Softwareunternehmens hinausgehen.
Aus Infrastruktur wurde eine Kernkompetenz
Ein positiver Nebeneffekt war der Aufbau von internem Wissen. Mittlerweile haben wir eine dedizierte Vollzeitstelle für einen VoIP-Engineer geschaffen und können große Teile unserer Infrastruktur eigenständig betreiben und weiterentwickeln. Davon profitieren auch unsere Kundinnen und Kunden unmittelbar. Statt auf lange Supportketten oder externe Anbieter angewiesen zu sein, können wir heute deutlich individueller beraten und schneller auf Anforderungen reagieren. Gerade im Gesundheitswesen, wo jede Einrichtung eigene Prozesse und technische Voraussetzungen mitbringt, ist das ein großer Vorteil.
Unsere wichtigsten Learnings
Der Weg zur Datensouveränität bringt nicht nur Vorteile mit sich. Eine wichtige Erkenntnis ist, dass nicht alle Kunden die Unterschiede sofort verstehen.
Viele verbinden Datenschutz automatisch mit einem Serverstandort in Deutschland oder Frankfurt. Dass Daten trotzdem einem außereuropäischen Rechtsraum unterliegen können, ist häufig nicht bekannt. Hier sehen wir auch eine Aufklärungsaufgabe. Gleichzeitig haben wir uns bewusst für einen Weg entschieden, der technologisch anspruchsvoller ist. Während andere Anbieter neue Dienste direkt anbinden können, müssen wir zunächst prüfen, ob sie datensouverän betrieben oder selbst gehostet werden können.
Eine direkte Integration des neuesten Modells eines US-Anbieters wäre oftmals schneller und einfacher. Unsere Strategie bedeutet deshalb auch, dass wir an manchen Stellen bewusst eine etwas langsamere Innovationsgeschwindigkeit in Kauf nehmen. Diese Entscheidung treffen wir jedoch bewusst. Denn langfristig halten wir die Vorteile für wichtiger als kurzfristige Geschwindigkeitsgewinne.
Unser Fazit
Datensouveränität ist für uns kein Marketingbegriff. Sie ist eine strategische Entscheidung. Eine Entscheidung für Datenschutz, Unabhängigkeit und langfristige Verantwortung. Dieser Weg ist aufwendiger, teurer und manchmal langsamer. Aber er ermöglicht uns, eine Plattform aufzubauen, die den besonderen Anforderungen des Gesundheitswesens gerecht wird. Denn Vertrauen entsteht nicht allein durch gute KI. Vertrauen entsteht durch die Infrastruktur, auf der sie betrieben wird.
Unternehmensprofil
VITAS entlastet Arztpraxen, Kliniken und MVZs mit einem KI-Telefonassistenten, der Anrufe automatisiert entgegennimmt, Informationen dokumentiert und Termine integriert vereinbart. So gewinnt das Team Zeit für Patient:innen. DSGVO-konform, ISO-27001- und C5-konform, ohne US-Drittanbieter.
Kontakt
Amélie Roth
VITAS GmbH
Teamlead Marketing & Brand
amelie.roth@vitas.ai
